Wilhelmstraße 
(von der Sieg bis zur Schützenstraße)
und Klosterhof
Parallel zur alten Eisen- und Kohlenstraße zur Siegfurt war im Laufe der Jahre 1841/43 durch die leeren Flurstücke "Auf der Auen" und die "Weyher-Wiese" die Provinzialstraße Koblenz -Olpe für den Fernverkehr gebaut worden. Etwa ab 1870 wurde an ihr die ersten Wohn- und Geschäftshäuser errichtet. Im Zuge der ersten Betzdorfer Straßennamensvergabe im Jahre 1894 wurde sie nach dem deutschen Kaiser benannt wurde. An dieser Durchfahrtsstraße entstanden in schneller Folge Wohn- und Geschäftshäuser und Industrieansiedlungen. Diese Funktionen bestimmen - trotz aller Änderungen - auch heute noch ihr Bild.
Es ist die längste Straße in Betzdorf, und dies dann wohl notwendigerweise die längste Seite auf unserer Website, die deswegen zweigeteilt wurde.
(Siehe auch: Bartolosch, Helmuth - Die Wilhelmstraße in Betzdorf, in: Heimat-Jahrbuch 1975, S.60.)
 
Siegbrücke (um 1930)



Im Rahmen des Baus der Koblenz-Olper Straße in den Jahren 1841-43 wurde die erste, dreibogige steinerne Siegbrücke errichtet, die 1945 vor den einrückenden Amerikanern gesprengt wurde. An ihrer Stelle wurde dann zunächst eine Behelfsbrücke, 1949 dann die einbogige steinverkleidete Betonbrücke errichtet. (Ansichtskarte um 1930)
Im Fachwerktürmchen tat der Wärter am Bahnübergang Wilhelmstraße seinen Dienst. 
 
Bahnübergang an der Wilhelmstraße 
(Photo Peter Weller um 1911)

 

Hinter dem Bahnübergang sind in dieser Aufnahme von Peter Weller auf der rechten Seite der Wilhelmstraße zu erkennen:
- Der Betrieb Julius Webers, wo Bergwerks- und Hüttenerzeugnisse vertrieben wurden (Nr. 1);
- die Schuhwaren- und Lederwarenhandlung von Eduard Breidenbach (Nr.3) und
- Wilhelm Leichers Möbelhandlung und Schreinerei (Nr.5).
 
Löwenapotheke (um 1911/12)

Direkt an der Schranke stand das Gebäude der Löwen-Apotheke, die hier in einem Bild von Peter Weller zu sehen ist. Als erste Apotheke Betzdorfs war sie zunächst von Gustav Vollbrecht 1894 in der Poststraße eingerichtet worden. 1911 war man in das prächtige neue Gebäude am Anfang der Wilhelmstraße (Nr.2) gezogen. Am 19.2.1945 wurde das Gebäude durch Fliegerbomben bis auf die Grundmauern zerstört. In der Großaufnahme ist gut der bronzefarbene Löwe über der Eingangstür zu sehen, der den Bombenangriff überstanden hatte, und ab 1950 im Neubau in der Bahnhofstraße im Fenster lag.
Siehe hierzu auch: Frank Rosenbauer - 100 Jahre Löwen-Apotheke Betzdorf, Betzdorf 1994.
 
Wilhelmstraße (um 1910)

Diese Aufnahme um 1910 zeigt den Blick durch die obere Wilhelmstraße. 
Auf der linken Straßenseite ist das Lebensmittelgeschäft von Karl Willwacher zu sehen, der hier von 1908-12 seinen Laden hatte, dann in die Kirchstraße und 1919 schließlich in die Viktoriastraße umzog. Später verkauften hier Sturm&Tielmann Kolonialwaren und Delikatessen (Nr. 10). Daneben steht das Installationsgeschäft von Moritz Ebener, der später in den Klosterhof umzog. An seinen Standort zog dann die Metzgerei Alois Baldus (Nr 10a) ein.
Neben dem sich anschließenden Wohnhaus fällt die Fassade des zweistöckigen Vorbaus der Eisen- und Kleineisenhandlung Gustav Düsberg (seit 1878; Nr.12a) mit ihren großen Schaufenstern und dem Wintergarten im ersten Stock auf. Auch dieses Gebäude fiel den Bomben zum Opfer. Es wurde in anderen von Kuno Wiese wieder errichtet. Im Hintergrund ist links die Krupp'sche Konsumanstalt zu sehen.
 
Krupp'sche Konsumanstalt 
(Photo Peter Weller um 1911) 
vormals Germaniabad



Schon 1882 hatte der erste Betzdorfer Arzt, Dr. Euteneuer,  die Parzelle gekauft, um dort ein Krankenhaus zu erbauen. Im Jahre 1890 eröffnete er hier schließlich das "Germaniabad" als erste preußische Kaltwasserheilanstalt (Kneipp'sche Kuranstalt). Mit bis zu 1000 "Kurgästen" im Jahr florierte der Betzdorf belebende Betrieb, als Euteneuer nach einem Eisenbahnunfall 1897 in Saarbrücken ein Bein amputiert werden muß, er seine medizinische Tätigkeit in Betzdorf aufgibt und sich nach Rhöndorf zurückzieht. Einige Zeit später muß sein Nachfolger Dr. Wurm den Kurbetrieb ganz einstellen. In eines der Gebäude (Nr. 20) zieht 1907 nach dem Zusammenschluß der Sayner und Kirchener Verwaltung die Krupp'sche Bergverwaltung (sie zog 1926 in einen Neubau in der Friedrichstraße um) und mit ihr die Krupp'sche Konsumanstalt ein. Bis in die 70er Jahre gab es in Deutschland die Kette Krupp-Konsum, die in Betzdorf neben den Spezialitäten Kaffee, Wein, Spirituosen auch Textilien vertrieb.
 
Liebesgaben 
(Photo Peter Weller um 1914/5)

 
Links im Bild sind die Mitarbeiter der Konsumanstalt zu sehen, wie sie den Wagen mit den von der Bevölkerung gespendeten "Liebesgaben", damals im allgemeinen vor allem praktische Utensilien, Lebensmittel und Zigaretten, für die deutschen Soldaten im 1. Weltkrieg beladen.  
Hospiz (um 1910)


Gegenüber, auf der anderen Straßenseite (Nr.19), lag das  1896 am Standort der alten Schmiede der Gebrüder Ermert von der Baufirma Sohn errichtete Haus. 
Hier war lange Zeit die vom Diakon Johann Fröber 1900 eingerichtete Herberge für Wandergesellen und ein Christliches Hospiz. Beide wurden 1923 nach dem Tod Fröbers geschlossen.

Mitte der 20er Jahre finden sich stattdessen:
- die Betzdorfer Filiale des Coblenzer Institutes Fendel, das dort neben Kunstgliedern und orthopädische Apparaten auch seine Spezialitäten Hessingkorsette und Senkfußeinlagen vertreibt; Hieraus entstand später die orthopädische Werkstätte WA. Krell.
- die Praxis des Rechtsanwaltes und Notars Wilhelm Flores.
 
Wilhelmstraße / Betzdorfer Zeitung (1929*)

Rechts ist im nebenstehenden Bild das Gebäude des Verlages Böckelmann zu sehen, in dem die  Betzdorfer Zeitung erschien (Nr. 21, im Bild rechts). Der deutsch-national gesinnte Verleger August Böckelmann hatte die Witwe des Gründers der Betzdorfer Zeitung Ebener geheiratet und war von der Bahnhofstraße in die Wilhelmstraße umgezogen.
Auf der gleichen Straßenseite finden wir die Betzdorfer Zweigniederlassung der Dillenburger Getreidehandlung Wächter (Nr. 25) und die  Kolonial- und Kurzwarenhandlung Emil Henrich (Nr. 27).

 

 
Zentraltheater 1936

Im Gasthof seiner Eltern („Zum Rathaus“ in der Hellerstraße) hatte Ludwig Monzen jr. 1922 ein Lichtspieltheater eröffnet. Nach dem Ankauf der Villa Tobias in der Wilhelmstraße und dem Anbau eines Saals mit 450 Sitzplätzen wurde im Jahr 1936 das "Zentral-Theater" eröffnet. Schon im folgenden Jahr mußte nach dem Tod ihres Mannes Änne Monzen das Kino führen. Noch heute liegt die Leitung in den Händen ihrer Tochter Anneliese Hempe, womit das Haus eines der ältesten noch in Familienbesitz befindlichen deutschen Kinos sein dürfte (1).
Im März 1945 wurde das Kino von Bomben getroffen. Nachdem man während der französischen Besatzung in einem 100 Zuschauer fassenden provisorischen Raum nach dem Willen der Besatzer französische Filme mit Untertiteln zu spielen hatte, konnten ab 1950 im neuen Kinosaal mehr als 500 Zuschauer die Filme der Wirtschaftswunderzeit sehen. In jene Zeit fällt auch ein Ereignis, an das sich ältere Betzdorfer noch erinnern werden: Vermeintlich wegen einer Nacktszene von Hildegard Knef im Film "Die Sünderin" protestieren  - wie anderorts auch - in Betzdorf angeführt von der Geistlichkeit (hier des Dekanats Kirchen) über 2000 (nach anderen Angaben knapp 10.000) Menschen gegen die Aufführung des Films, was aus heutiger Sicht nur noch reichlich albern wirkt und damals natürlich nur das Gegenteil erreichte: der Film wurde ein Kassenerfolg (Zu Einzelheiten des Filmskandals).
Mit dem Fernsehen kam in den 60er und 70er Jahren das Kinosterben. Durch massive Investitionen (Verbesserung der Technik und des Komfort für die Zuschauer, Zweiteilung des Kinos) konnte sich das Zentral-Theater aber bis zum Jahre 2003 behaupten. 
 
 
Wilhelmstraße (1906*)

 
Schaut man nun aus der anderen Richtung auf den bisher in der Wilhelmstraße zurückgelegten Weg, so erkennen wir auf der nun rechten Seite mit dem auffälligen Erker das Haus des Besitzers der Betzdorfer Dampf-Kornbranntwein- Brennerei Rudolph Schneider (Nr. 26),davor seit 1895 die Lederhandlung, Schuh- und Schäftefabrikation von Hermann Eberhard (Nr.28). Im linken Teil des Hauses Nr.30  hatte seit 1898 Gustav Schneider seine Buchdruckerei und verkaufte Bürobedarf, im rechten Teil (und hier ganz rechts im Bild) war die Bäckerei und Conditorei Max Steinwascher (in dem vorher hier stehenden Gebäude schon seit 1875).  
Wilhelmstraße, Umzug (191?)

Trotz - oder vielleicht gerade wegen - der schwierigen Zeiten gab es in immer wieder große Festveranstaltungen mit Musikumzügen, so etwa der Jubiläumsumzug des katholischen Gesellenvereins (1921), die Regimentstagung (1925) und der Jubiläumsumzug der Freiwilligen Feuerwehr (1926). Außerdem gab es alljährlich - mit Ausnahme der Kriegsjahre und des Inflationsjahres 1923 - das Schützenfest mit seinem jährlichen Umzug.
Auf diesem Foto - aufgenommen vom Balkon des Hauses Schneider/Steinwascher (Nr.30) handelt es sich wohl um einen Schützenfestzug um 1910, will man die Beflaggung als Zeichen der Zeit heranziehen.
Im beflaggten Haus auf der linken Seite (Nr. 31) war übrigens die Bäckerei Karl Haas (seit 1904) und das Friseurgeschäft von Wilhelm Lutz.
 
Hotel Gobrecht / Carl Strüder / Central-Hotel



Speisesaal um 1915


Im Jahre 1884 ließ der Fuhrwerksbesitzer Friedrich Gobrecht sein Hotel erbauen. Das "Hotel Gobrecht" galt als Haus der besseren Gesellschaft. 
Während der Zeit unserer wohl sehr alten Aufnahme (da hier ganz rechts im Bild noch das vor der Jahrhundertwende auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehende Fachwerkhaus zu sehen ist und der Fotograf an der Stelle des um 1900 errichteten Eckhauses stand) war Carl Strüder der Hotelier.  Er unterhielt zudem ein Gartenrestaurant auf den Siegwiesen. 
Ab dem ersten Weltkrieg firmierte das Haus in der Wilhelmstraße 33 als Central Hotel Betzdorf und wurde von Rudolf Andrèe betrieben. 
 
Kreishaus der NSDAP um 1939

Nach dem Tod des Pächters kaufte 1935 die NSDAP das Hotel, das seit der Umbenennung 1933 der Wilhelmstraße in Adolf-Hitler-Straße schon die rechte Adresse hatte, und richtete dort ihr Kreishaus ein, wo mit Ausnahme des NS-Bauernverbandes alle NSDAP-Verwaltungseinrichtungen untergebracht wurden. 
Im zweiten Weltkrieg wurde das Haus weitgehend durch Bomben zerstört.
 Im Neubau richtete nach dem Krieg Pagnia seine Möbelhandlung ein. Später zog hier Aldi ein und heute ist in dem Gebäude die Elektrohandlung Göttert zu finden.
 
Wilhelmstraße um 1910

 
Von 1900 bis 1912 fand sich im Eckhaus Wilhelmstraße/Klosterhof (Wilhelmstraße 32) die Filiale des Kölner Consum-Geschäftes, die "billigste Bezugsquelle für Kolonialwaren" mit Kaffeebrennerei. Auch das diesem später folgende Cafe von Konditormeister Ortmann mußte schließlich aufgeben. Mitte der 20er Jahre finden sich in diesem Haus das Baugeschäft Ernst Schneider, das Photographisches Atelier Heinrich Müller und das Tabakwarengeschäft von Otto Schneider, das in der Familie noch über Jahrzehnte weitergeführt wurde.  

Werfen wir einen Blick in die Straße rechts, den Klosterhof, so sehen wir den alten Gasthof "Unter der Linde", der im Volksmund einfach als "Kanone" bezeichnet wurde. 
Er war Teil des alten Hohenbetzdorfer Hofes gewesen und wurde wohl spätestens im 17. Jahrhundert errichtet und soll zur Zeit der Aufnahme Betzdorfs ältestes Haus gewesen sein. Lange Zeit war dies eine Fuhrmannswirtschaft gewesen, später eine - wie Wolf schreibt - "bessere Gast- und Schankwirtschaft mit Kegelbahn", wo selbstgebrautes Bier in hohen Stangengläsern zu je 1 Silbergroschen gezapft wurde. Das dazugehörende Brauhaus stand bis 1893 dort, wo heute der Breidenbacher Hof ist. Dem mächtigen Lindenbaum des Hofes, der dort wohl seit den mittelalterlichen Zeiten der St. Barbarakapelle gewachsen war und der dem Gasthaus den Namen gab, ging 1910 der Atem aus. 1911 wurde dann auch das Gasthaus "Zur Linde" abgerissen. 
Hier hatten übrigens direkt nach dem Krieg 1872 zwanzig junge Männer einen Gesangverein gegründet, den sie in Freude über die Gründung des Deutschen Reiches "Germania" nannten.

Schankwirtschaft "Zur Linde" 1900*


 

Ludwig (Louis) Breidenbach hatte die Witwe Karl Hebels, des Besitzers des alten Hofes um die Linde, geheiratet. Ein Hotelneubau neben dem Gasthof sollte für zusätzliche Einnahmen sorgen. 
Bei den Bauarbeiten für den "Breidenbacher Hof" deckte man 1893 die Grundmauern der alten St. Barbarakapelle wieder auf. Taufsteine, Grabplatten und später (1940) auch Fragmente von Skulpturen wurden dort gefunden. Alle diese steinernen Zeugen der mittelalterlichen Kapelle wurden im 2. Weltkrieg zerstört bzw. sind seitdem verschollen.

 
Eduard Loosen erwarb übrigens schon 1897 das Hotel, das noch heute von der Familie geführt wird. Unser Bild zeigt das Gebäude in den 30er Jahren, als es noch einen separaten Eingang zum Schankraum (im Bild an der Straße links) gab. Im Februar 1945 wurde das Haus durch Bombentreffer bis auf die Grundmauern zerstört. 1949 konnte das Haus nach umfangreichen Wiederaufbauarbeiten, die den früheren Stil des Hauses bewahrten, schließlich wieder geöffnet werden. 

Breidenbacher Hof um 1930

 
Wilhelmstraße 1908

Von der Höhe des Klosterhofes zeigt uns diese Karte noch mal den Blick auf den bisher zurückgelegten Weg im oberen Teil der Wilhelmstraße. 
Auf der linken Seite vor dem Hotel Gobrecht ist das heute noch stehende markante Eckhaus (Schützenstraße 1) zu sehen. 
 
     

1) Siehe hierzu auch: Geimer, Claudia - 1922 lernten auch in Betzdorf die Bilder laufen. Eines der ältesten Kinos Deutschlands in Familienbesitz , in: Heimat-Jahrbuch 1994, S.105 

 
* es handelt sich jeweils um die Jahresangabe des Poststempels  
Einige Bilder dieser Seite stammen aus der Sammlung von Frau Helene Wienand, der wir hierfür herzlich danken möchten. Ohne die Informationen aus den Werken von August Wolf und Helmuth Bartolosch wären die Texte dieser Seiten nicht zu erstellen gewesen. Ihnen gilt unser Angedenken.